Paraden-Stolz
Berlin, Köln, Frankfurt und natürlich Wien und in zwei Wochen Hamburg: Der alljährliche CSD findet statt. Und natürlich sind wir dabei. Wir meint hier die Hamburger SM-Institutionen von Schlagwerk e.V. bis Schlagzeilen, von Catonium bis Unschlagbar. Aber es sind ja nicht die Institutionen, die den CSD und die samstägliche Parade zu einem Erfolg für die SM-Community machen, sondern all die Leute, die ihn vorbereiten, die am Stand Rede und Antwort stehen, die sich auf der Parade zeigen.Und da sind wir genau an dem kritischen Punkt: Das Zeigen. Der Christopher Street Day ist eine lesbisch, schwule und queere Veranstaltung und wir SM-Leute sind Gäste. Beim CSD geht es zwar auch um Spaß und das sich zeigen, aber in erster Linie ist diese Veranstaltung politischer Natur.
Die diesjährigen CSDs stehen unter dem Motto "Akzeptanz statt Toleranz" und "Liebe deine Nächsten - Antidiskriminierungsgesetz jetzt!". Und natürlich wird es wieder diverse Parolen geben, die auf die Diskriminierung von Homosexuellen in manchen Ländern des ehemaligen Ostblocks und besonders in islamisch geprägten Kulturen herrscht.
Da frage ich mich natürlich als heterosexueller Sadomasochist und bekennender Perverser, wo stehe ich dabei? OK, es gibt sicherlich immer noch eine Menge Leute, die unsere Art zu lieben weder tolerieren noch akzeptieren. Aber wirklich diskriminiert werden wir kaum noch. OK, es gibt Party-Raum-Vermieter, die plötzlich den Mietvertrag kündigen, weil die Öffentlichkeit (wer auch immer das ist) Druck macht, nicht an diese Perversen zu vermieten.
Es gibt Lehrer, Pastoren und Kindergärtnerinnen, die teilweise zu Recht fürchten, ein Outing als SMer würde sie den Job kosten. Es gibt Sportler und Künstler, die sich nicht zu SM bekennen, weil sie eben nicht der Perverse sein wollen oder die Sadomaso-Braut, sondern weiterhin Boxer und Kabarettistin. Es gibt Politikerinnen und Leute, die in konservativen Jobs arbeiten, die sich gerne von mir gefesselt fotografieren lassen, aber nur so, dass man ihr Gesicht nicht erkennt.
Aber im normalen Alltag einer größeren Stadt kümmert es doch niemanden, wenn man abends in Lack und Leder das Haus verlässt oder wenn man seinen Kollegen trifft, während man grad über die Hauptstraße in Latex bummelt.
Nicht einmal die Fernsehsender interessieren sich für uns Normal-Perverse.
OK, es würde immer noch einen scheinheilig empörten Aufschrei geben, wenn man einen unserer Prominenten aus Politik und Wirtschaft sehen würde, wie er aus einem Studio kommt. Ähnlich wie es die Zeitung mit den vier Buchstaben bei einer Schauspielerin gemacht hat, die mal in Pornos mitgespielt hatte. Und natürlich ist es ähnlichen Käseblättern auch immer einen hetzerischen Titel wert, wenn ein Bürgermeister ein SM-Event in seiner Stadt willkommen heißt oder ein Künstler ein SM- und Erotik-Workshop-Wochenende vielleicht mit Kulturförderung preiswerter macht.
Und im Sexualkunde-Unterricht wird inzwischen zwar über gleichgeschlechtliche Liebe gesprochen, aber eher nicht über Hiebe, egal ob gleich oder nicht geschlechtlich.
Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so erstrebenswert ist, wenn wir mit unserer dunklen Lust plötzlich einfach nur eine Normvariante sind.
Ich jedenfalls bin froh und – ja ich gebe es zu – auch ein bisschen stolz, ein Perverser zu sein.
In diesem Sinne,
Matthias
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