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Der Traum vom Fliegen

Als ich vor bald zwanzig Jahren das erste Mal jemanden so fesselte, dass seine Beine keine Bodenberührung mehr hatten, hatte ich die Lederfesseln mit dickem Schaumstoff gepolstert, damit das Leder nicht einschneiden konnte. Vorher hatte ich schon Polsterungen aus Stoffstreifen probiert, was aber zu rutschig war. Und ganz ohne Polsterung ging es bei meinen einfache Arm und Fußfesseln nicht.
Inzwischen gibt es dick gepolsterte Fesseln, zum Beispiel mit Fell gefüttert und vernünftige Fußhebefesseln, damit hat die Verletzungsgefahr deutlich abgenommen.
Aber in den letzten Jahren benutze ich kein Leder oder Stahl mehr für Hängefesselungen, sondern Seil. Und da beginnt das Problem.
Immer mehr Leute wollen die Erfahrung des Fliegens machen und mindestens genauso viele wollen ihren Partner fliegen lassen. Und da wirkt Seil in vielen Augen eleganter und effizienter. Nun ja, Bondage-Workshops gibt es inzwischen auch fast überall, da kann man das dann lernen. Oder man kauft sich ein Buch, die Bondage-CD oder meine Workshop-Filme und bringt es sich selbst bei. Soweit so gut.
Dass Seilbondage mehr ist als jemanden hinzuhängen, vergessen manche in ihrer Begeisterung. Und dass Seilbondage eine der unfallträchtigsten erotischen Techniken ist auch.
Sicherlich bin ich nicht ganz unschuldig an dieser Fokussierung auf Suspensions, wie die Hängebondages im SM-englisch heißen. Aber außerdem drehen an diesem Rad die vielen Bilder und Filmchen, die Seiten wie Insex, HardRope und wie sie alle heißen bieten. Suspension als die hohe Schule des Fesselns, als das nunplusultra dessen, was man mit ein paar Metern Seil anstellen kann, verbreitet sich immer mehr.
Gestern hatte ich Besuch von einem meiner Modelle, die gleichzeitig eine sehr gelehrige Schülerin meiner Workshops ist. Sie war am Wochenende auf einer Party und sah einer Person zu, die jemanden mit Seil hinzuhängen versuchte. Das Opfer hatte soweit abgeschnürte Hände, dass die Haut dunkelblau anlief. Die gesamte Suspension war völlig unkorrekt gewickelt. Und nun stand meine Schülerin da und wusste nicht, wie sagt sie das dem Fessler. Und überhaupt, sollte sie nicht lieber still sein und sich raushalten?
Und genau das ist das Problem: Da gibt es einige Leute, die wissen sehr genau was sie mit ihrem Seil machen und andere, die nur eine grobe Idee oder ein Bild im Kopf haben und dann irgendwie wickeln.
Natürlich gibt es keinen Bondage-Tüv, keine Suspension-Prüfung und natürlich auch keine klaren Regeln ab welchem Kenntnistand man Bondage und speziell Suspensions unterrichten darf. In den USA gibt es sogar eine Diskussion darüber, dass man in normalen Bondage-Workshops keine Hängebondages unterrichten sollte, weil die Gefahr von Fehlern viel zu groß ist. Suspensions lernt man dann nur in persönlichen Tutorials, wenn überhaupt.
Ich selbst unterrichte die Basics von Suspensions, weil ich weiß, die Leute probieren es so oder so und nach meinem Kurs haben sie wenigstens eine grobe Ahnung worauf sie achten müssen, damit es nicht zu Nevbenabklemmungen, Lähmungserscheinungen, Schulter- oder Wirbelsäulen-Luxationen und ähnlich unangenehm bis gefährlichen Vorkommnissen kommt.
Doch damit stehen wir immer noch mit unsere Frage: Wie sag ich es demjenigen der unserer Meinung nach eine unfachgerechte Bondage macht.
Ich bin der Meinung, man sollte nicht tatenlos und wortlos daneben stehen, sondern freundlich seine Hilfe anbieten, wenn man weiß, wie es richtig geht. Anderenfalls wäre es so was wie unterlassene Hilfeleistung, auch wenn nicht wirklich etwas dramatisches passiert ist.
In diesem Sinne,
Matthias

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