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Zufallsartikel
Böse Geschichten No. 29
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Böse Geschichten No. 29
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Der Traum vom Fliegen

Auch wenn es manchmal anders wirkt, besonders sobald man den „Technikern“ zuhört, ist SM in erster Linie etwas was mit Erfahrungen der unterschiedlichsten Art zu tun hat. Hierbei kann es um psychische Erfahrungen gehen, wie etwa Demut, Macht, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Stärke, Hingabe, Unterwerfung, Willkür oder Keuschheit, aber für viele SM-Leute steht die körperliche Erfahrung im Vordergrund: Schmerz oder andere Reize, die körperlich intensiv gespürt werden. Auch wenn immer noch das Gefühlsleben des Aktiven in vielerlei Hinsicht ein unbekanntes Terrain – zumindest sobald man in die uns zugesandten Texte schaut – zu sein scheint, schaffen es die Passiven sehr viel leichter in Worte zu kleiden, was immer ein wenig unfassbar trotz aller Eloquenz bleiben wird: Die Art der Erfahrungen, die sie in der passiven Rolle machen. Wobei „passiv“ nur vordergründig richtig ist, denn Erfahrungen innerhalb einer SM-Session haben nicht nur den „Leidensaspekt“, sondern auch das komplizenhafte Beteiligtsein, die aktive Einwilligung und nicht zuletzt die aktive Hingabe an eben diese Erfahrungen.
Er oder sie „bringt mich zu Fliegen“. Wobei auch hier zwischen dem Helfer – äh, ich meinte dem Aktiven – und demjenigen, der dann fliegt, oft ein freies Fließen von Energie zu spüren ist. Passive sind ja keine Ballons, die einmal aufgeblasen durch ihren Auftrieb fliegen, sondern Individuen, die sich bewusst in einen Zustand höchster Intensität begeben.
Was bedeutet denn „Fliegen“? In einer Bondage-Session scheint es ja sehr offensichtlich zu sein, dass das in der Luft an den Seilen schwebende Modell „fliegt“, aber was ist mit einer Schlage-Session, einer intensiven Fisting-Aktion oder der „Zellen-Erfahrung“ des „Gefangenen“?
Ich weiß, ich bin sicherlich nicht der richtige, um genauestens auseinander zu dröseln, was es denn mit dem Fliegen auf sich hat, da ich nicht derjenige bin, der fliegt, sondern nur der, der dem anderen mal mehr, mal weniger gekonnt zu einem Flug verhilft. Aber aus eben dieser Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer leicht ist, jemanden dahin zu begleiten oder zu führen, wo das Fliegen beginnt. Schon weil ich als Aktiver ja derjenige sein soll, der auch den Flug weiter unterstützt. Nicht umsonst ist ja eine der schlimmsten Beschreibungen für eine missglückte SM-Session der Begriff „Absturz“. Natürlich braucht man nicht zu fliegen um abzustürzen. Abstürzen kann man auch, während man demütig auf dem Boden kniet und mit gesenkten Augen auf seinen Herren wartet. Aber je höher man schwebt, desto folgenschwerer kann der Absturz werden.
Aus naheliegenden Gründen nehme ich als Beispiel wieder die Bondage. Wenn ich mein Opfer auf dem Boden kniend gefesselt habe, kann mein Opfer zwar fallen, aber nicht weit. Ganz anders, wenn ich es in einer Höhe von 1,5 Metern gehängt habe. Wenn es da zum Absturz kommt, gibt es mehr als eine Hautabschürfung oder einen blauen Ellbogen.
Das gilt natürlich auch für andere SM-Situationen, denn je tiefer, höher oder weiter jemand geführt wird, desto weiter ist der Weg zurück auf die Oberfläche des Alltags.

Nun gibt es natürlich eine Menge Leute, die das Risiko eines Absturzes scheuen und sich deswegen lieber rechtzeitig aus Situationen hinausstehlen, in denen es zum Fliegen kommen könnte, aber die meisten Passiven, die ich kenne, sehnen sich nach der Freiheit, die sich während des Fliegens einstellt, nach dem Losgelöstsein vom Alltag und der Intensität des Augenblicks in dem man einerseits ganz bei sich ist und zum anderen so weit weg.

Und was bleibt uns Aktiven dabei? Naja, wir lassen ja ohnehin recht wenig raus, aber wahrscheinlich reicht uns das Wissen, dass wir jemanden zum Fliegen gebracht haben – oder?
Matthias
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