Traumgespinste
Manchmal gibt’s das einfach nicht und doch fühlt es sich real an. Träume scheinen sich in die Wirklichkeit zu ergießen, das Ersehnte wird zum Erlebten und dann … wacht man auf und alles ist anders.Nein, ich rede nicht von nächtlichen Feucht-Träumen, sondern eher von Vorstellungen, die in den anderen projiziert werden und die plötzlich in der Prüfung „Alltagstauglichkeit“ nicht mal den einen von zehn möglichen Punkten erreichen.
Traumfrau trifft Traummann – und alles ist gut? Eben nicht, denn wenn der erste Schweiß der Session getrocknet ist und der Alltag mit Arbeit, Kindern, Einkauf droht, erweist es sich oft, dass beide eben nur ein Traum waren – zu schön um wirklich wahr zu sein.
Was ist ein Traumpartner anderes als eben nur eine „reale Figur“, die in mein Bild hineinpasst? Eine Art Kleiderständer dem ich meine Phantasien umhängen kann.
Es beginnt schon mit der einfachen Erkenntnis, die ich nach 10 Jahren Bondage-Shootings mit Bondage-Modellen gewonnen habe: Man sucht nach willigen Modellen und es kommen Menschen. Menschen, die Bedürfnisse haben, die reden wollen, die sich vielleicht verlieben. Die nicht ganz bei der Sache sind, weil es ihnen nicht gut geht.
Und plötzlich passiert etwas: Die Modelle werden zu Freunden oder sie kommen nur ein oder zwei Mal zu einer Session.
Manch einer glaubt, ich lebe meinen Traum, weil ich ja immer so viele Frauen fessle. Doch das ist nur teilweise die Wahrheit.
Natürlich habe ich immer davon geträumt, Frauen fesseln zu dürfen und es hat viele Jahre gedauert von der ersten Frage „Darf ich Dich mal fesseln“ bis hin zu dem heutigen Zustand, wo ich öfter als das ich zusage, eine Bondage-Session ablehne.
Bondage ist eben, wie alle erotischen Techniken, etwas sehr Intimes und diese Intimität, auf die ich mich beim Fesseln einlasse, ist nichts, was ich mit jedem erleben will, denn nicht nur meine Berührungen sind für das Modell etwas Intimes, sondern auch das Berühren als Akt von meiner Seite, ist für mich intim.
Und so, wie ich nicht jeden in mein Bett lassen würde, so lasse ich auch nicht jeden in mein Foto-Studio, schon in Anbetracht dessen, dass es gleichzeitig der Raum ist, in dem auch mein Bett steht.
Manch ein potentielles Bondage-Modell versteht es nicht, wenn ich mich gegen eine Arbeit mit ihm entscheide, weil für mich die Chemie zwischen uns in meiner Wahrnehmung nicht stimmig ist. Und das ist nicht, bei dem irgendjemand irgendeine Schuld trifft.
Das ist wie mit der Märchenprinzessin oder dem Märchenprinzen (Aschenputtel oder strahlender Stern ist in diesem Falle egal), die man sieht. Dabei bleibt der Blick eben doch zu oft an Äußerlichkeiten hängen und erst wenn man den stolzen Ritter oder die strenge Königin eingefangen hat oder sich hat einfangen lassen, stellt man fest, dass die eigene Vorstellung von dem Traumpartner sich nur auf Aspekte der Person gerichtet hatte, aber eben nicht darauf, wie sie es mit dem Abwasch oder der Zahnpastatube hält.
So ist es denn manchmal ganz schön, sich seine Traumpersonen für die eigenen erotischen Träume zu behalten und in der Realität nach etwas handfesterem zu trachten.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie noch heute.
Matthias
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