Ellenbogen-Gesellschaft
Neulich war ich mal wieder auf einer dieser größeren Fetisch-Partys. Ich bin ja irgendwie nicht für große Partys gemacht, aber manchmal habe ich doch Lust, wenigstens so 2 - 3 Stunden dort aufzulaufen und mir anzusehen, was die Leute sich an schicken Outfits ausgedacht haben.Auch wenn ich als Nichttänzer und Nicht-Fetischist (oder soll ich meine Vorliebe für Jute- und Hanfseile da drunter fassen?) nach relativ kurzer Zeit satt bin und anfange mich zu langweilen, fällt mir einiges auf, was ich so nicht wirklich von den normalen Wald-und-Wiesen-SM-Partys kenne.
Wie sagte es meine Gespielin Risu-ko so schön: "Das war die Party mit dem größten Rempelfaktor" und "Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die meisten Leute verkleidete Vanillas sind".
Ich glaube, je größer eine Party ist, desto geringer ist die angenommen soziale Kontrolle und wenn diese Kontrolle als eher vernachlässigbar erscheint, treten die allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen immer mehr in den Vordergrund.
Der alte Spruch "Wer ficken will, muß freundlich sein" wird außer Kraft gesetzt, wenn ich auf eine Party gehe und mir eigentlich selbst genug bin, eben dann brauche ich nicht freundlich zu sein.
Außerdem sind Verhaltensweisen wie Rücksicht, Respekt, Vorausschauende Reaktionen, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Höflichkeit gnadenlos unmodern und in den schnellen Zeiten des WWW und anderer virtueller Kontaktmöglichkeiten einfach viel zu langwierig und zeitraubend.
Und wenn ich nicht sofort das bekomme, was ich will oder jemand gar mein Verhalten hinterfragt (egal ob zu Recht oder Unrecht), dann gerate ich in Unsicherheit und diese Unsicherheit läßt sich natürlich vorzüglich mit Aggression überspielen.
Am Rechner sitzend werde ich zum scheinbaren Mittelpunkt der Welt und bin mir selbst gleichzeitig genug. Der Umgang in der realen Welt wird anstrengend, da es hier keine Escape-Taste gibt und man auch nicht mal eben die seltsame Umwelt wegzappen kann.
Doch auch wenn es in der alltäglichen normalen Welt so seltsam wird, dann ist es eben nicht verwunderlich, wenn das auch auf die Fetisch- und SM-Welt durchschlägt.
SM-Leute sind eben nicht die besseren Menschen, sondern eben genau so ein Durchschnitt durch unsere Gesellschaft, wie etwa Schwule. Und da bleibt es eben nicht aus, dass sich die Einflüsse dieser Gesellschaft auf die eine oder andere Art und Weise negativ und zum Glück auch positiv bemerkbar machen.
Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass Appelle immer ungehört verhallen, weil sich keiner angesprochen fühlt, denn jeder hat ja ohnehin Recht.
Shareholder-Value der eigenen Person geht eben immer vor. Was gehen mich die anderen an (solange ich nicht etwas von ihnen haben möchte - aber auch das mit dem freundlich sein in solchen Situationen scheint manchen immer schwerer zu fallen), solange ich weiß was meine Interessen sind.
Und auch wenn etwa die banale Verkehrsordnung dem Radfahrer verbietet bei roter Ampel einfach weiterzufahren, so empört er sich doch, sobald einer der fast überfahrenen Fußgänger sich beschwert.
Und wenn einer jemanden anrempelt ist man schon verblüfft, wenn der sich entschuldigt als aggressiv darüber zu meckern, dass man die Frechheit hatte, die gleiche Straße wie er zu benutzen.
Für mehr konservative Tugenden!
Matthias
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