Tokyo im Juni
Sicher habt Ihr überlegt, warum es immer noch keine Juni-Kolumne gibt. Aber ich habe eine gute Ausrede, denn ich war im Urlaub und habe eine meiner Lieblingsstädte besucht: Tokyo.Auch wenn es bei meiner bekannten Vorliebe für Shibari und Kinbaku (Japanische Bondage) so scheint, gibt es für mich und meine Gespielin Nicole dort mehr, als nur Seile und Bondage. Ich will dort eben auch Urlaub machen. Auch wenn man es nicht gleich entdeckt, so hat Tokyo neben den Unmassen an Menschen (hier leben mehr als 25 Millionen im Großbereich) auch sehr beschauliche Ecken, ruhige Gassen und stille Parks. Das Faszinierende ist das Nebeneinander von Trubel und Ruhe, von Menschentrauben und den Raben, die besonders früh morgens die Herrscher der Straßen sind.
Ikebukuro, die Heimat des Studio Six, in dem Osada Steve, der inzwischen japanisierte Bondagemeister aus Berlin, seine Sessions veranstaltet und wo wir auch übernachten. Shinjuku mit seinen Hochhäusern und dem berühmten Rotlicht-Viertel Kabuki-cho, in dem ähnlich wie bei uns auf St.Pauli das Rotlicht zugunsten von Erlebnis-Gastronomie und Unterhaltungsangeboten weichen muß. Shibuja, wo es immer noch die nach ihm benannten Girls mit der Kunstbräune, den blond gefärbten Haaren und der weißen Augenschminke gibt. Harajuku, das Viertel, in dem man Sonntags die Costume-Player bestaunen kann und wo es Hunderte von kleinen Läden gibt, in denen man von künstlichem Haar über Secondhand Schuluniformen bis hin zur aktuellen Jugend-Mode alles finden kann. Ueno mit seinem Markt, der sich unter dem Viadukt der S-Bahn zwei Stationen weit erstreckt und wo es neben Fisch inzwischen alles zu kaufen gibt, was man sich vorstellen kann. Und natürlich findet man hier im Ueno-Park neben diversen Museen auch den Tokyo-Zoo mit seinen meist schlafenden Panda-Bären. Tokyo-Zentrum, wo eingekesselt von den Hochhäusern der großen Unternehmen in einer parkähnlichen Landschaft hinter Wassergräben der Kaiser residiert. Asakusa mit seinem berühmten Tempelbezirk und den Secondhand-Kimono-Läden und gleich im Anschluss das Viertel in dem es vom Kochmesser bis hin zum Profi-Nudel-Set alles für die Küche gibt.
Und natürlich der Hakone-Nationalpark, wo wir diesmal wirklich den Fujiyama in seiner ganzen fast 4000 Meter hohen Pracht bestaunen konnten.
Tokyo ist für mich immer der Ort, an dem ich mir neue Ideen und Anregungen für meine Bondage holen kann und das hat auch diesmal gut geklappt. Ich hatte die Chance bei Yukimura Haruki (Siehe den Letter from Tokyo aus der SZ 89) eine Übungsstunde mitzumachen. Haruki benutzt nur noch ganz wenig Seil und macht seit über 6 Jahren keine Suspensions (Hängebondages) mehr. Sein Credo: Zurück zu den Wurzeln, dem Ursprünglichen. Der Aktive soll sich durch das Seil dem Passiven mitteilen, die Energie über das Seil fließen lassen und so eine Spannung beim Modell und bei den Zuschauern erzeugen. Japanische Bondage ist weniger ein Spiel mit dem Seil, als mit der schamhaften Schönheit des Modells, welches durch die Bewegung und Führung des Seils zum Ausdruck gebracht werden soll. Um diesen Effekt zu erreichen muß man als Aktiver ganz bei sich sein. Dazu ist es auch sinnvoll sich immer mal wieder aus der Position des Aktiven in die Position des Beobachters zu begeben.
Im Gegensatz zu vielen anderen Bondage-Meistern, die ich gesehen habe, spielt Haruki ganz bewusst mit sexueller Spannung und weniger mit den artistischen Möglichkeiten, die das Seil oder das Modell bietet.
Mir kam es so vor, als würde er mir vermitteln wollen, dass ich ja ganz ordentlich Bondage mache. Aber jetzt wäre ich soweit, nochmal alles zu vergessen und ganz von vorne zu beginnen. Eine spannende Idee, mit der ich sicherlich experimentieren werde, auch wenn ich nicht gewillt bin, von meinen so heiß geliebten Suspensions zu lassen.
In diesem Sinne,
Matthias


