Aggressionen in der schwülen Luft
Gestern sprach ich mit meinem Gemüse-Händler. Mit Torsten kann man immer ganz gut philosophieren und lustige Allerweltsplattitüden austauschen. Und natürlich sprachen wir über das Wetter. Eine wichtige Hamburger Tradition, denn wir Hamburger haben zum Schietwetter oder zu all den anderen Kapriolen die Hochdruck- und Tiefdruck-Gebiete erzeugen eine ganz spezielle Beziehung.Diesmal ging es um das Hin und Her aus schwülem, nassem, heißem und windigen Wetter. Einen Tag so, den nächsten wieder anders. Wir kennen das zwar, aber seit einigen Wochen gehen die Wechsel ungewöhnlich schnell. Unser Mutmaßung: Es ist das Wetter, das die Leute zurzeit so reizbar und schnell aggressiv sein lässt. Plötzlich eskalieren die Dauerkriege in der SM-Szene, es wird mit harten Bandagen geprügelt, Staatsanwälte und Richter werden bemüht. Natürlich gibt es auch die üblichen Diffamierungs-Kampagnen und Gerüchte scheinen dazu da zu sein, ganz schnell als Tatsache genommen zu werden. Es fliegen die Fetzen mal mehr über, mal mehr unter dem Tisch.
Aber ich glaube, es kann nicht alleine das Wetter schuld sein. Meine böse Vermutung ist manchmal, die Leute (und da nehme ich mich nicht aus) brauchen jemanden, dem sie böse sein können, dem sie die Schuld geben können. Sie brauchen einen Feind.
Früher, als wir SM-Leute noch eine kleine Minderheit waren, die sich ab und zu auf verschwiegenen Partys traf, als – wie immer – alles besser war, da schien es diese Querelen nicht gegeben zu haben.
Klar waren sich manche Leute nicht grün, dennoch war man froh, wenn eine Party gefeiert wurde. Irgendwo hin NICHT zu gehen, weil X oder Y dort sein könnte, kam einem nicht in den Sinn. Dafür war das Angebot einfach viel zu exklusiv, nicht im Sinne von edel, sondern im Sinne von selten.
Das Gros der nicht perversen Bürger schaute auf uns Ferkel herab, mokierte sich über jene, die mit Peitsche und Fessel spielten, so wir denn überhaupt von anderen wahrgenommen wurden. Heute können wir uns auf der CSD-Parade zeigen und die Leute rufen begeistert „Nu hau ihn doch mal“ oder klatschen Beifall, wenn der Sulky mit dem menschlichen Pony vorbeifährt.
Ach der abgrenzende Begriff des Blümchen-Sex-Liebhabers oder Vanillas hat sich mehr und mehr zum eher niedlich gemeinten „Stino“ gewandelt.
Bei all dem Überfluss, den wir heute haben (und zu welcher der angekündigten Partys gehe ich heute?), passiert das, was immer gerne passiert, wenn man satt ist: Man beginnt sich zu zanken.
Früher gab es eine nie festgeschriebene Regel, nach der sich Partyveranstalter, die in der gleichen Stadt oder Region etwas veranstalten wollten, miteinander absprachen, damit es keine Überschneidungen gibt. Heute scheint die Szene so ausdifferenziert zu sein, dass nichts dagegen zu sprechen scheint, am gleichen Tag eine SM-Kulturveranstaltung, eine SM-Party und eine Fetisch-Party zu veranstalten.
Aber wenn die Leute satt sind, gegen sie weniger auf Partys, dafür … (siehe oben).
Klar leben wir in einem freien Land und jeder der Lust hat, kann veranstalten was er will, aber ob das wirklich der Szene dient, sei dahingestellt.
Und wenn schon mehrere Veranstalter um die Fetisch- und SM-Klientel buhlen, so hat niemand etwas davon, wenn es dann auch noch Stress untereinander gibt.
Nein, mir geht es nicht darum, Unterschiede und Differenzen zuzukleistern, aber wenn es was zu besprechen gibt, ist ein entspannter Umgang allemal konstruktiver, als Krieg unter dem Tisch.
In diesem Sinne, lasst uns das Kriegsbeil begraben und mal wieder versuchen, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen.
Matthias


