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Zwiespalt?

Im letzten Vorweg der Schlagzeilen (Ausgabe 96) konstatierte ich: „Früher waren wir die gefährlichen Perversen, die sich den Arsch verstriemten, die Geliebte durch den Spielkeller traten, die Nippel ihres Partners mit Nadeln spickten oder jemanden zu einem Nichts, einem Loch, einem Tier degradierten, welches wir dann mit neuem Selbstbewusstsein füllten.“
Selten hat es so viele, teilweise seitenlange Rückmeldungen zu einem Vorweg gegeben.
Stutzig wurde ich bei zwei Anmerkungen: „Durch seine Bücher, Bilder und Shows hat Grimme das öffentliche Bild von Bondage so geprägt, dass nur noch ästhetische Bondage positiv bewertet wird.“
Und „Vor kurzem lehnte er noch Texte ab, weil sie nur etwas für den (verbotenen) SM-pornographischen Giftschrank seien und nun fordert er härtere, gemeinere Texte ein.“
(die Zitate sind nicht wortwörtlich sind inhaltlich wiedergegeben – den genauen Wortlaut liest man in der nächsten Schlagzeilen-Ausgabe).

Zum ersten „Vorwurf“: In meinem Bondage-Zirkel JaRoBo haben wir gerade eine Diskussion über die unterschiedlichen Arten an Bondage heranzugehen. Zum einen mit dem genauen Wissen, wohin genau die Seile gehören und zum anderen eher spontan, wie es sich ergibt die Seile zu legen. Ich denke, es ist wie mit allem: Erstmal muß man die Basis lernen und dann kann man rumprobieren, spielen und improvisieren. Wenn man das ganze anders herum aufzieht, besteht die Gefahr, dass man versehentlich Gefäße abschnürt, Nerven quetscht, Gelenke überdehnt. Und das ist dann auch keine Frage von Ästhetik, sondern eine Frage der Gesundheit. Und zum Thema Bilder allgemein. Ja, es stimmt, wir haben eine ganze Menge Bilder mit typischen Modellen in unserem Heft, aber wir haben auch Bilder mit ganz normalen Menschen. Auch wenn diese Bilder dazu führen, dass es Leute gibt, die sich darüber beschweren, es seien Dellen im Oberschenkel der Abgebildeten zu sehen.
Ich denke, es gibt zwei verschiedene Fraktionen von Bildchen-Betrachtern. Die Träumer, die gerne Idealbilder bis hin zum Klischee sehen und die Identifizierer, die sich selbst in die Rolle hineinversetzen, was natürlich bei „normal“ aussehenden Modellen einfacher ist, als bei solchen, die einem Schönheits- und Schlankheits-Ideal entsprechen, welches kaum einer von uns erfüllt.
Ich arbeite als Bondage-Fotograf für Bondageproject mit den unterschiedlichsten Frauen und habe festgestellt, dass die Ausstrahlung eines Bildes weniger mit der Glätte der Haut, dem Gewicht und dem Alter zu tun hat, sondern viel mehr mit dem, was im Gesicht passiert und wie der Körper sich ausdrückt. Leider sehen das die meisten Fotografen, die uns Bilder zusenden, nicht so. Und wir können eben nur das veröffentlichen, was wir in unserem Archiv haben.

Damit sind wir auch beim zweiten Thema.
Irgendwie scheint es nicht klar zu sein, dass es einen Unterschied gibt, zwischen Vibratoren, die in die gestriemten Ärsche gefesselter Frauen eingeführt werden und der fiesen Drohung, mit dem Riesendildo sonst was anzustellen. Das erste ist einfach nur pornografisch, das zweite ist so, dass die Pornografie nicht direkt beschrieben wird, aber im Kopf des Lesers passiert und da ist sie meiner Ansicht nach deutlich geiler und für uns juristisch ungefährlich.
Was wir suchen sind eben nicht Texte, in denen das Fließen von Körperflüssigkeiten in aller Akribie erläutert wird, sondern Texte, die die schmutzige Fantasie anregen, der eigenen Geilheit Nahrung geben, die mehr sind, als die ewiggleiche Beschreibung der Sklavin, die sich für ihren Herren im Bad vorbereitet oder Handlungsskripte, was die strenge lackbestiefelte Domina alles mit dem Sklaven macht. Wir wollen Gefühle und daher mehr als nur Aktionen.
Matthias