Nach-Gedanken
Letztes Wochenende verbrachte ich auf einer der größten Tattoo-Conventions, weil ich dort für mehrere Bondage-Auftritte gebucht war. Nun ist ja die Tätowierer-Gemeinde nicht unbedingt ein Hort der Sadomasochisten, Bondage-Liebhaber und Fetischisten, und so wunderte es mich doch ein bisschen, wie viel positive Rückmeldungen kamen.Vom türkischen Biker, über die Standbesatzung von „Lieber die eigene Haut als die von Tieren (PETA)“ bis hin zu der Dame im grauen Schneiderkostüm, die ohnehin seltsam deplaziert auf einer derartig viel bunte Haut zeigenden Veranstaltung wirkte, kam ein Danke für die gezeigte Sinnlichkeit, den berührenden Ausdruck, die Schönheit des gefesselt in Seilen bewegten Körpers.
Und dabei zeigten unsere Shows nicht nur hübsche Bondage, sondern auch Kerzenwachs, Messer, Klammern und eine Peitsche. Also war der SM-Bezug überdeutlich.
Mir scheint, als ließe sich gerade über erotisches Fesseln ein Tor zu den sexuell eher offenen Menschen öffnen, welches sich beim Stichwort „Sadomasochismus“ ganz sicher nicht so aufgetan hätte.
Natürlich liegt die Rezeption unserer Performances auch an der eher entspannten und liebevollen Art, mit der wir auf der Bühne agieren. Auf dominante Blicke, herrische Töne und Härte um der Härte willen, greifen wir nicht zurück.
Letzten Endes ist der Deal recht einfach: Wir wollen zusammen auch im Rampenlicht Spaß haben. Und ich mag es mit Seilen und anderen Dingen herumzuspielen, während Nicole es genießt und gleichzeitig eine diebische Freude daran hat, mich zu ärgern.
Es gibt damit nicht mal eine wirklich klare Trennlinie zwischen aktive und passiv, denn öfters lasse ich ihr auch einfach den Raum, sich selbst in den Seilen zu bewegen, während ich nur beobachte.
Natürlich kann man sich streiten, ob es wirklich notwendig ist, SM-Spiele vor den Augen einer mehr oder weniger interessierten Öffentlichkeit auf die Bühne zu bringen. Denn die Zeiten, als Bondage und SM die Quotenhits bei manchen Fernsehsendern waren, sind schon lange vorbei. Der Reiz des Perversen ist verbraucht, der Ruch des Gehemnisses verloren gegangen und heute treibt man eben andere Säue durchs Fernsehdorf.
Und aus genau diesem Grunde, so scheint mir, ist es den „Blümchensex-Liebhabern“ möglich, mit viel weniger aufgeregtem Blick einer derben Bondage-Show zuzugucken und das, was dort transportiert wird auch abstrahiert von den seltsamen Praktiken zu genießen.
Natürlich sind wir noch weit davon entfernt, dass Bondage und SM als etwas „Normales“ gesehen wird. Aber ehrlich gesagt, ich will das auch gar nicht.
Denn dann würde mir das Avantgarde-Gefühl, welches sich ohnehin schon lange sehr unauffällig und klein gemacht hat, vollständig verschwinden.
Aber vielleicht ist das ja ohnehin der Lauf der Dinge: Das Besondere wird zum Speziellen und dann ganz einfach in den großen grauen Wust der Otto-Normal-Mustermann-Kultur eingesaugt, bis es kompatibel zu allem und jedem geworden ist.
Doch noch ist es nicht soweit, dafür sorgen meine Mit-Sadomasochisten, denn die haben sich ja längst aufgespalten in diejenigen, die Bondage langweilig finden (ohne jemals eine Show von mir gesehen zu haben), diejenigen, denen es nur um Rollenspiele geht und die nicht verstehen, dass meine Bondage-Partnerin nicht meine Sklavin ist und solche, die mich sowieso zu gemein finden, wenn ich dieses oder jenes auf der Bühne mache.
Aber vielleicht habe ich da auch nur etwas missverstanden.
Matthias


