Neues aus Japan
Liebe Freundinnen und Freunde der Schlagzeilen,diesmal schreibe ich aus Tokyo, wo ich zusammen mit meinen beiden Performance-Modellen Capricious und Jemina meinen Urlaub verbringe. Wobei Urlaub nicht so ganz das richtige Wort ist, denn wir haben zwei Mal in der Woche Auftritte (einmal im größten SM-Club im feinen Amüsierviertel Roppongi und sonst in dem kleinen Bondage-Studio, in dem wir auch schlafen) und lassen uns ansonsten überraschen, was Osada Steve, unser Kontaktmann in Tokyo, noch an Auftritten für uns an Land zieht.
Die japanische Bondage- und SM-Szene ist ganz anders als wir es aus Deutschland kennen, es ist eigentlich nicht wirklich eine Szene, sondern es gibt nur eine Reihe von größeren Parties (Torture Garden, Sadistic Circus, Department H), auf denen man sich trifft.
Aber auch diese Partys sind ganz anders als die, die wir bei uns in Mitteleuropa kennen. Die meisten Leute erscheinen in Alltagskleidung (und müssen dafür beim Eintritt mehr bezahlen, als die, die sich entsprechend des Anlasses kostümiert haben). Ganz selten sieht man die von unseren Lack-Leder-Latex Dresscodes bekannten Kleidungsstücke. Viel häufiger sind phantasievolle Outfits, wie man sie aus manchen Manga-Serien kennt, oder auch Dragqueens in aufwendigen Abendroben. Und natürlich gibt es die Solomänner, die eine Maske und ein T-Shirt tragen, aber ihre Hose an der Garderobe, die im allgemeinen aus Schließfächern besteht, abgegeben haben. Gespielt wird nur vereinzelt und statt dessen gibt es mehr oder weniger interessante Shows, die irgendwo zwischen SM und Bondage und Strip-Show angesiedelt sind, oder manchmal eher skurril sind wie Frauen-Sumo oder Gesangseinlagen.
Ansonsten gibt es natürlich die SM-Clubs, in denen man sitzen und trinken kann, im Gespräch mit den dort arbeitenden Frauen, und ein paar Studios wie das von Osada Steve, wo man hingeht, wenn man ein Interesse daran hat, mehr über Bondage zu lernen. Doch die meisten Japaner haben an Bondage und SM nur ein voyeuristisches Interesse, ein Buch wie unser SM-Handbuch würde sich wohl hier nicht sonderlich gut verkaufen.
Auch wenn die Japaner den unterschiedlichsten sexuellen Spielarten gegenüber aufgeschlossener erscheinen als die deutsche Durchschnittsbevölkerung, so heißt das noch lange nicht, dass die Leute, die das wirklich machen, gesellschaftlich anerkannt sind. Es gilt auch hier das alte japanische Sprichwort: „Entweder bist du drinnen oder draußen.“ Das heißt, es ist ganz normal als Gast in einen Bondage Club zu gehen, aber es wäre ein Problem sich öffentlich dazu zu bekennen, dass man Spaß daran hat, andere Leute zu fesseln. Dies ist auch der Hauptgrund, warum es in Japan keine SM-Gruppen und Stammtische gibt wie bei uns. Denn die Mitgliedschaft dort würde ja bedeuten, man will mehr als nur etwas Exotisches sehen. Auch der Kontaktanzeigen-Bereich in den einschlägigen Zeitschriften oder auf den Online Bondage-Seiten, die so etwas Überhaupt anbieten, ist eher mager. (Im SM-Sniper, einem der größten monatlichen SM-Magazine, sind es meist nur knapp zwei Din A 5 Seiten).
Ganz im Gegensatz zu Deutschland kann man also in Tokyo (und auch in anderen japanischen Großstädten) jeden Abend die unterschiedlichsten Bondage-Shows sehen, aber wirklich Gleichgesinnte zu treffen, ist äußerst schwierig und im privaten Bereich fast unmöglich, es sei denn, man hat das ungeheure Glück bei einer der Dating Lines jemanden zu finden, der auch Spaß an Fesseln und kinky Sex hat. Was darüber hinaus mindestens sehr gute Kenntnis der japanischen Sprache erfordern würde …
Aber Japan ist ja sehr viel mehr als nur die Heimat des wohl schönsten Bondagestils - und so genießen wir die Stadt mit ihren kulturellen Angeboten und kulinarischen Köstlichkeiten, den Einkaufsparadiesen und Festivals.
Matthias


