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2016-01-14

Engagiert Euch!

Deutschland verfügt über eine bemerkenswerte BDSM-Szene. Aber diese bemerkenswerte Szene braucht einen funktionierenden Dachverband. Vor allem aber braucht diese Szene wieder mehr Menschen, die sich in der Vereinsarbeit engagieren. Denn was nützt die beste Szene, wenn sich viele von uns noch viel zu oft verstecken oder schämen müssen? Ein Appell von Perser.

Wie selbstverständlich ist BDSM eigentlich mittlerweile? Ich finde diese Frage sehr schwer zu beantworten.

Zunächst einmal geht es uns in Deutschland ziemlich gut. Es gibt wenige Länder auf der Welt, die zumindest in sexueller Hinsicht so liberal sind wie Deutschland. In fast allen Großstädten gibt es funktionierende Stammtische, in großen Städten wie Berlin, Hamburg oder München meist gleich mehrere. Es gibt viele Vereine, die unterschiedlichste Angebote bereitstellen für BDSM-Anfänger und BDSM-Erfahrene. Von Einsteigertreffen über Workshops bis hin zu zahlreichen Veranstaltungen. Und es gibt in Deutschland mit der SMJG eine Jugendorganisation, die es als ihre explizite Aufgabe ansieht, Menschen unter 28 Jahren einen geschützten Rahmen zur Verfügung zu stellen, um sich über BDSM zu informieren. Vor kurzem habe ich einem Engländer in Berlin von dieser deutschen BDSM-Landschaft erzählt. Dem sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Solche Jugendorganisationen und so eine breite BDSM-Szene sind selbst in vielen europäischen Ländern heute noch immer nicht denkbar. Vom Rest der Welt ganz zu schweigen.

In vielen Städten und Regionen haben sich ausreichend Menschen zusammengefunden, die ihre Neigungen miteinander teilen können und oft auch über eine ausreichend Wahlmöglichkeiten verfügen, um Partner*innen zu finden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber damit geht es uns BDSMer*innen auch nicht anders als dem Rest der Gesellschaft. Und für viele ist die BDSM-Szene längst mehr geworden als nur ein Umfeld, in denen man Gleichgesinnte oder mögliche Partner*innen findet. Ich merke das an mir selbst. Ich bin vor 3 Jahren in die Berliner BDSM-Szene hineingerutscht. Heute kann ich mir ein Leben ohne meine Berliner Szene gar nicht mehr vorstellen. Ich habe Gleichgesinnte getroffen, mit denen ich mich offen über meine Vorlieben austauschen kann. Ich habe Partnerinnen gefunden, mit denen ich meine Neigungen offen und in Liebe verbunden ausleben kann. Und ich habe vor allem Freunde gefunden, mit denen ich nicht nur BDSM-Dinge tue, sondern mit denen ich auch sonst gerne meine Zeit verbringe.

Das klingt alles schon ziemlich normal, oder? Man könnte fast den Eindruck haben, dass BDSM in der Mitte der Gesellschaft, wie man so schön sagt, angekommen ist. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, dass wir davon sehr weit entfernt sind. Und ich befürchte, dass wir es uns gerade zu bequem machen in unserer BDSM-Nische. Denn für viele funktioniert das alles bei weitem noch nicht so reibungslos. Dazu zwei kleine Beispiele.

Im vergangenen Jahr habe ich für den BDSM Berlin e.V. auf dem Motzstraßen-Fest in Berlin den Infostand mitbetreut. Neugierige konnten bei uns den BDSM-Straßentest durchführen. Ein kurzweiliges Bilder gucken und einfache Fragen beantworten, das dabei helfen soll, mit Menschen über BDSM ins Gespräch zu kommen. Einmal habe ich mit einem Mann unterhalten, so Anfang 60. Er kam sehr zögerlich an unseren Stand und erzählte mir dann so nach und nach von seinen Sehnsüchten, die er offenbar schon seit Jahrzehnten mit sich herumträgt. Seine Neigungen waren ziemlich eindeutig. Aber er hatte noch nie eine Partner*in, mit der er auch nur ansatzweise seine Neigungen hätte ausleben können. Auf einem Einsteigertreffen oder einem Munch sei er auch noch nie gewesen. Offenbar wusste er gar nicht, dass es sowas geben könnte. Als sich unsere Wege nach zwanzig Minuten wieder trennten, war er sichtbar erleichtert. Er hatte sich offenbart. Und hatte Verständnis erhalten, weil er einen Gleichgesinnten traf. Vielleicht zum ersten Mal.

Die zweite Geschichte ist einem Freund von mir vor einiger Zeit passiert. Er arbeitet freiberuflich für öffentliche Verwaltungen und musste vor kurzem fürchten, dass ihn ein Kollege outen könnte, der durch Zufall von seinen Leidenschaften erfahren hatte. Im schlimmsten Fall hätte ein solches Outing in seinem Arbeitsumfeld für ihn bedeuten können, dass er keine Aufträge mehr bekommen würde. Und er ist nicht die einzige Person in meinem Bekanntenkreis, für die so ein Zwangsouting nachteilig wäre. Für viele von uns könnte das immer noch starke beruflich Einschränkungen bedeuteten. Oder sogar den Verlust des Arbeitsplatzes.

Ja, die Gesellschaft ist BDSM gegenüber offener geworden. Der beste Beweis dafür dürfte der große Erfolg der „Fifty Shades of Grey“-Reihe sein. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrheit der Menschen uns immer noch mit Vorurteilen, Skepsis oder sogar Angst begegnet. Die Auseinandersetzungen in einigen Bundesländern über die Aufnahme von LGBTQ-Themen in Lehrpläne sind leider ein guter Indikator dafür, wie schwer es vielen Menschen immer noch fällt, sich wirklich offen mit Sexualität auseinanderzusetzen. Der Bundesgerichtshof hat 2004 in seinem bekannten Urteil zwar festgestellt, dass die einvernehmliche Körperverletzung wie in einem BDSM-Spiel an sich nicht sittenwidrig ist. Das moralische Urteil der meisten Menschen gegenüber BDSM scheint von diesem Richterspruch bislang allerdings eher unbeeindruckt. Jeder von uns könnte mit Sicherheit ähnliche Geschichten davon erzählen, wie schwierig es immer noch ist, sich seine BDSM-Neigungen einzugestehen. Und wie sich manche von uns zum Teil verrenken müssen, welche Doppelleben wir entwerfen müssen, damit wir unsere Neigungen ausleben können.

Aber wie ließe sich daran etwas ändern? Und vor allem, wer könnte daran etwas ändern?

Die vielen im BDSM-Umfeld tätigen Vereine, Organisationen und Netzwerke tun ja schon eine ganze Menge. Nur leider reicht das nicht. Denn BDSM hat in Deutschland gerade keinen richtigen Fürsprecher. Es gibt keine Organisation, die Kontakt zu Verbänden aufnehmen könnte wie beispielsweise zur Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, damit Menschen im Rahmen ihrer Therapie vielleicht irgendwann selbstverständlich auf die Möglichkeit hingewiesen werden, dass es BDSM gibt. So bin ich BDSMer geworden. Auf Ratschlag meines Therapeuten. Der zu mir meinte „Machen Sie mal BDSM. Das könnte Ihnen gut tun.“ Immer wenn ich diese Geschichte erzähle, ernte ich ungläubige Blicke. War aber so. Wahrscheinlich wissen viele Therapeut*innen allerdings noch nicht mal, dass es so etwas wie BDSM-Stammtische und Einsteigertreffen überhaupt gibt. Es gibt auch keine Organisation, die beispielsweise auf die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zugehen könnte, um auf die Bedürfnisse von BDSMer*innen in Deutschland hinzuweisen. Damit vielleicht eines fernen Tages die sexuellen Neigungen im Berufsleben keine Rolle mehr spielen. So wie es ja heute schon in immer mehr Bereichen keinen Rolle mehr spielt, ob jemand schwul oder lesbisch ist. Wir wissen ja noch nicht einmal sicher, wie viele BDSMer*innen es in Deutschland gegenwärtig überhaupt gibt. Weil niemand die vielen Forschungsergebnisse zusammenträgt.

Das heißt, eigentlich gäbe es so jemanden. Die BVSM. Die Bundesvereinigung Sadomasochismus e. V. Viele von euch wissen wahrscheinlich gar nicht, dass es diesen Dachverband überhaupt gibt. Die BVSM wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, sich um solche Themen zu kümmern. Aber leider ist es um diesen Verein in den letzten Jahren viel zu ruhig geworden. Deswegen hat sich im Oktober dieses Jahres eine kleine Gruppe von engagierten Menschen zusammengefunden, der ich auch angehöre. Und gemeinsam wollen wir dieser Bundesvereinigung Sadomasochismus wieder neues Leben einhauchen. Am 20.12. hat die BVSM ihre Mitgliederversammlung abhalten. Und mit viel Glück es es gelungen, einen neuen Vorstand und Helfer für einige Fachthemen zusammenbekommen.* Aber damit fängt die eigentliche Arbeit natürlich erst an. Denn das Ziel muss sein, aus der BVSM einen wieder funktionierenden und leistungsfähigen Dachverband zu machen. Ein Dachverband, der die lokalen und überregionalen Vereine unterstützt und der auf Bundesebene als Fürsprecher für die Belange der BDSM-Szene auftreten kann. Das alles kostet viel Zeit und Kraft. Auch weil Vereinsleben meistens mühsam ist. Jeder, der sich mal ehrenamtlich engagiert hat, weiß das. Vereinsarbeit kann nur gelingen, wenn die Arbeitslast auf möglichst viele Schultern verteilt wird. Deswegen brauchen wir die Hilfe jedes einzelnen von euch. Und dabei spielt es keine große Rolle, ob ihr euch in eurem lokalen BDSM-Verein, in der SMJG oder in der BVSM engagiert. Und es geht bei einem Engagement gar nicht um so große Aufgaben wie Vorstandsämter. Das kann auch mal ein Fahrdienst sein. Oder die Pflege einer Internetseite. Oder mal bei einem Infostand aushelfen. Das Maß ist nicht entscheidend, sondern die Absicht.

Um also nochmal auf meine Frage vom Anfang zurückzukommen: Wie selbstverständlich ist BDSM denn nun mittlerweile? Ich kann diese Frage nicht mehr nur für mich alleine beantworten. Nicht ohne dabei an die vielen Begegnungen mit all den Gleichgesinnten zu denken. An die vielen schönen Geschichten. Aber auch an die vielen Begegnungen wie dem älteren Mann auf dem Berliner Motzstraßenfest. Oder an den Freund von mir, der sich vor einem unfreiwilligen Outing fürchten musste. Ich wünsche mir sehr, dass ich in zehn Jahren weniger Begegnungen dieser Art haben werde. Aber ich weiß, dass das nicht von alleine passieren wird. Ich bin bereit, dafür meinen Anteil zu leisten. Wenn ihr es auch seid, können wir ja loslegen.

Hier könnt ihr uns unterstützen:
zur BVSM e.V.-Website
E-Mail an den BVSM e.V.-Vorstand

Hinweise über lokale Vereine und Gruppen können über die oben genannte Adresse angefragt werden.

Autor: Perser

* Satz weicht aus Aktualitätsgründen von der in der Druckausgabe veröffentlichen Version ab.

2016-01-14
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