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Der Marquis
Der Marquis
ab 14.9 €
» Redaktionelles » Rezension

24/7 - The Passion of Life

In diesen Tagen läuft in vielen großen Städten Deutschlands ein Film an – ein Film, der versucht, SM so zu zeigen, wie er ist. Wobei es allerdings kein reiner SM-Film ist, sondern eine Arbeit über den Umgang der Gesellschaft mit Sexualität an sich. Ein Film über Religion, Moral und Doppelmoral.

24-7: Filmplakat
Die wohl behütet aufgewachsene Hotelierstochter Eva lernt bei einer Motorradpanne die Domina Lady Maria kennen und stellt fest, dass ihr in ihrem Leben etwas fehlt. In ihrer heilen Welt gibt es alles – außer Sex, Lust und Erotik. Mit Marias Hilfe macht sie sich auf die Suche nach ihrer erotischen Identität. Eine Suche, die sie an jene (Un-)Orte führt, von denen alle so tun, als ob sie nicht existierten, und die es doch in jeder Stadt gibt: das SM-Studio, den Swingerclub, die Stripteasebar. Und eine Suche, die sie in Konflikt mit dem Normierungszwang und der Doppelmoral der Gesellschaft bringt.

Ob der Film »gut« oder nur »gut gemeint« ist, darüber gehen die Ansichten in der SM-Szene auseinander. Auf jeden Fall versucht »24/7 – The Passion of Life« SM nicht als etwas außerhalb Stehendes, Perverses darzustellen, sondern als natürlichen Teil des Spektrums der Sexualität. So antwortet Lady Maria einem Studiogast, der sie fragt, ob sie sein SM für krank halte: »Nein, das ist nur ein Teil von dir. Und wenn du diesen Teil in dir nicht akzeptierst und lebst, dann wird er dich verfolgen, Tag für Tag, und davon würdest du krank. Krank ist nicht das, was du machst. Vielleicht die Schuldgefühle, die man dir eingetrichtert hat. Die sind vielleicht krank.«
Die Darstellung von SM im Film ist einerseits authentisch und natürlich, andererseits fast naiv und kalt. Was daran liegt, dass das Filmteam einerseits im Vorfeld sehr gut recherchiert hat.

Wobei sie nicht nur viel gelesen und Leute befragt, sondern auch ausprobiert haben. So hat beispielsweise Mira Gittner, die die Domina Maria spielt, vorher eine halbe Woche im SM-Studio als Zweit-Domina assistiert. Andererseits sind die Macher des Films keine SMer und haben ihre Recherchen ausschließlich in kommerziellen SM-Studios betrieben – und nicht in der offenen, nichtkommerziellen SM-Szene. Trotzdem haben sie für Nicht-SMer viel verstanden!

Manches wirkt auch deshalb echt, weil es wirklich echt ist. So sind viele Nebenrollen mit echten SMern, Swingern und Stripperinnen besetzt, die sich selber spielen. Denn wohl keinem Schauspieler wäre es gelungen, Personen wie Elfriede, das männliche Dienstmädchen von Lady Maria, oder die Gummisau Nr. 3, einen Stammgast, der im Studio in die Rolle eines Schweins schlüpft, so überzeugend und menschlich darzustellen. Auch das Studio, der Swingerclub und die Stripteasebar sind echt. Und einige der SM-Sessions sind es ebenfalls.
Trotz der echten Sessions, Orte und Nebenrollen gibt es in der SM-Szene Bedenken, dass der Film bei Zuschauern, die nichts mit SM zu tun haben, eher Klischeevorstellungen über SM bestärkt, als zu einem tieferen Verständnis führt.

Zwar enthält der Film eine Reihe schöner SM-Szenen. Aber den Machern geht es mehr um die Worte als um die Bilder. Denn in den Selbstgesprächen und Dialogen geht es um das eigentliche Anliegen des Films: um den Umgang der Gesellschaft mit der Sexualität. Um die Fesseln aus Religion, Normierungszwang und Doppelmoral, die die Gesellschaft der Lust anlegt. Und mit denen sie sie erwürgt. »Die Gesellschaft«, so erklärt es Maria, die neben ihrer Arbeit als Domina an ihrer Doktorarbeit in Soziologie schreibt, »hätte gerne genormte Menschen, die funktionieren leichter. Aber kann man Gefühle normieren?«

Manchen erscheinen die Figuren des Films durch ihre Selbstgespräche und Selbstrechtfertigungen pathetisch oder sogar lächerlich. Uns haben aber gerade diese Stellen besonders gefallen, weil sie dem Film inhaltlichen Tiefgang geben. Und Shakespeare wirft ja auch niemand vor, dass Hamlets Monologe zu pathetisch sind – und die sind bei weitem pathetischer.

Ein echter Schwachpunkt des Filmes ist, dass man ihm sein geringes Produktionsbudget deutlich ansieht. Man hat beinahe das Gefühl eine Sonderfolge der Lindenstraße (oder einer ähnlichen Fernsehproduktion) zu sehen. Das gilt sowohl für die Licht- und Tontechnik als auch für die Requisite, den Schnitt und die Musikuntermalung. Und auch den Mono- und Dialogen merkt man (wie bei der Lindenstraße) deutlich an, dass sie aus dem Drehbuch und nicht aus dem Leben stammen. Wer sich den unter 24-7 der Film herunterladbaren Trailer anschaut und erwartet, dass der Film ein ebenso gewaltiger Reigen erotischer Bilder ist wie der Trailer, wird also enttäuscht werden.

Außerdem ist zu kritisieren, dass der Film zwar versucht, SM so zu zeigen wie er ist, die nichtkommerzielle SM-Szene aber überhaupt nicht vorkommt. SM findet im Film nur im Studio statt. Außerdem sind alle im Film vorkommenden SMer stark vereinsamte Personen. Das gilt insbesondere für die Studiofrau Maria. Und auch Eva muss das Ausleben ihrer Sexualität mit der gesellschaftlichen Ächtung und der Verstoßung durch ihre Eltern bezahlen.
Dadurch gelingt es dem Film zwar sehr gut, den Normierungszwang und die Doppelmoral der Gesellschaft darzustellen. Doch das Sozialleben von uns SMern wird komplett falsch dargestellt. Denn wir leiden keineswegs mehr unter Vereinsamung als die Nicht-SMer. SMer sind vermutlich sogar weniger einsam. Zum einen sind wir nämlich genau so gut in die normale Gesellschaft integriert wie Nicht-SMer. Und zum anderen haben wir darüber hinaus zusätzlich noch die SM-Szene. Das heißt, wir haben Freunde, mit denen wir unseren SM teilen können. Und daraus entstehen oft Beziehungen von einer Intensität und Tiefe, die außerhalb der Szene selten ist.

Der Filmtitel »24/7 – The Passion of Life« ist aus SM-Sicht übrigens irreführend, da das Thema D/s im Film überhaupt nicht vorkommt. Der Titel bezieht sich auf das Bedürfnis der Hauptperson Eva, ihre sexuelle Lust voll und ganz auszuleben: »24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr!«

Trotz dieser Schwächen ist es ein empfehlenswerter Film, dem der Verdienst zukommt, dass SMer in ihm endlich mal nicht psychisch krank oder pervers sind. Sondern eigentlich psychisch gesünder und normaler als viele so genannte »Normale«. Und er enthält eine ganze Reihe SM-Szenen, die Futter für Augen und Phantasie sind.

Die Orte und Termine, an denen ihr »24/7 – The Passion of Life« sehen könnt, findet ihr auf 24-7 der Film– an den jeweiligen Premieren werden der Regisseur Roland Reber und die Hauptdarsteller mit dabei sein. Im Sommer soll der Film dann auf DVD erscheinen.
Michel und Geli

24-7: Panorama