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Der Anzeigenberater

Der Kontaktanzeigen-Berater gibt hilfreiche Ratschläge, eine Chiffre-Anzeige zu beantworten: Fall-Beispiel Nr. 1

„Berlin: Rouge & Noir - zwei ungnädige Frauen, Ende 30, schlk., wollen etwas sehen! Welche untertänigen Männer trauen sich zu, ungeliebtes Objekt unserer unberechenbaren Launen zu sein? Was auch immer uns gerade einfällt, ohne Wenn und Aber! Keine Wunschlisten, sondern ausführliche, formvollendete und respektvolle Bewerbung an Chiffre W 17621.”
Das Problem beginnt schon mit der Anrede. Schreibt man nun:

„Liebe Frau Rouge,
liebe Frau Noir”,

oder
„Sehr geehrte Frau Rouge,
sehr geehrte Frau Noir”,

oder
„Sehr verehrte Frau Rouge,
sehr verehrte Frau Noir”,

oder umgekehrt.

Frau Noir könnte verärgert sein, daß man nicht sie, sondern Frau Rouge als erste anredet. Gar nicht auszudenken, auf welches Verhängnis man da zusteuert.

Wo findet der Kontaktsuchende nun Halt bei einer solchen Vielzahl der Möglichkeiten und der Wahrscheinlichkeit, daß nur eine Form der Anrede die richtige ist. Da kommt mir der rettende Gedanke, wie ich dem Verhängnis entgehen kann. Warum nicht gleich darauf gekommen?

Ich entziehe mich jeglicher Gefahr, indem ich schlichtweg die Anrede vermeide:

„Betr. Chiffre W 17621”.

Das werde ich schreiben. Das klingt sachlich und birgt keine Gefahr, in einer so speziellen Situation die Etikette zu verletzen und die "unberechenbaren Launen" der Damen bereits im Vorfeld auf mich zu lenken oder allzu sehr zu schüren.

Nein, das geht doch nicht: Klingt es doch wie die Beantwortung einer Chiffre-Anzeige zum Kauf einer gebrauchten Couch-Garnitur aus der zweiten Hand.

Wie wär′s mit ... „Sehr geehrte Inserentinnen”?

Zumindest habe ich auf diese Weise die eklatante Gefahr umschifft, daß eine der Damen eifersüchtig auf die andere ist, weil ich die Priorität der Personen nicht eingehalten habe. Ein guter Lösungsansatz, zumal, wenn man die inhaltliche Bedeutung so antagonistischer Farben wie Schwarz und Rot - die, miteinander vermischt, keine grundsätzlich neue Farbe ergeben - in die Berücksichtigung und Abwägung der Umstände und erhofften Chancen einbezieht.

Doch ich weiß nicht! Das wichtigste beim Schreiben eines so delikaten Briefes ist - wie mir scheint - eher grundsätzlicher Art. So sollte ich vielleicht versuchen, eine gewisse Idiosynkrasie zwischen den beiden Damen und mir herzustellen. Oder es zumindest versuchen ... Was heißt es denn, wenn jemand unter dem Rubrum „Berlin: Rouge & Noir” firmiert? Doch wohl nichts weiter als die Lokalisierung des Markenartikels „Rouge & Noir”.

Ich wag′s einfach mal, schreibe ganz schnell:

„Liebe Rouge, liebe Noir”, und noch ehe eine der beiden sich zuviel Gedanken über die Reihenfolge der Anrede gemacht hat, bin ich bei einem erprobten, aussagekräftigen Moment der Verbindlichkeit, das die Herzen der Berliner schon immer gerührt hat, und so hoffe ich auch, bei den beiden Damen auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Was soll ich lange drum herum reden:

„Liebe Rouge, liebe Noir, auch ich bin ein Berliner!”

Wenn das in seiner semantischen Formvollendung nicht das richtige ist, so gibt es nur eine Möglichkeit: die Damen sind nicht aus Berlin, sondern sozusagen neu zugezogen. Verflixt, dann zieht es natürlich nicht. Das würde dann etwa so klingen, als ob jemand in München oder Miami eine Rede hält und dabei sagt: „Auch ich bin ein Berliner”.

Das kommt natürlich nicht an. Und wie in aller Welt kann ich wissen, ob die Damen - und zwar beide - aus Berlin sind oder nicht.

Nun scheinen sie ja in Berlin zu leben, aber dennoch trau ich mich nicht auf einen so wagen Anknüpfungspunkt hin meinen ganzen Wunsch nach Verbindlichkeit und Sicherheit zu gründen, was doch wohl das einzig mögliche Äquivalent dafür zu sein scheint, als „ungeliebtes Objekt” seine Daseinsvorsorge zu treffen.

Doch heißt es im Inserat nicht „ohne Wenn und Aber”? Dann wäre, wenn überhaupt, Verbindlichkeit und Sicherheit wohl nur in seiner hypotrophen Form zu erwarten. Was dann möglicherweise zum Einsatz von Strick und Handschellen führen könnte. Doch birgt eine Äußerung in diese Richtung nicht die Gefahr in sich, in den Verdacht autistischer Projektionen oder innerer Haltlosigkeit zu geraten?

Dieser gefahrvollen Situation darf man sich auf keinen Fall preisgeben. Bin ich mir doch sicher - so gut kenne ich die Frauen -, daß nur eine „starke Persönlichkeit” - egal welcher Couleur - in den Kreis der engeren Wahl einbezogen wird. Aber welche Farbe habe denn ich, wo doch die beiden Farben Rot und Schwarz bereits von den Damen in Anspruch genommen werden?

Es wäre schon gut, wenn man ein wenig Orientierungshilfe hätte! Aber welche Farbe paßt zu mir, um meiner Persönlichkeit das Attribut einer gewissen beeindruckenden Stärke zu geben?

Doch paßt ein solches Auftreten zu einer „respektvollen Bewerbung”? Wohl kaum. Dann sollte man es vielleicht mit einem Rätsel versuchen.

Rätsel sind immer gut - wären die Sphinx je so alt, die Mona Lisa je so berühmt geworden, wenn sie nicht eine gewisse Rätselhaftigkeit umgäben?

Also werde ich, um in die Genugtuung ihrer Aufmerksamkeit zu gelangen, den Damen ein Rätsel aufgeben, damit ihre Hinwendung sich auf mich richtet. Während ich sehnsüchtig auf meine noch verschlossene Tüte mit Gummibärchen neben meinem Laptop blicke, frage ich mich, welches Rätsel ich den beiden Damen, die natürlich selbst etwas sphinxhaftes umgibt, wohl stellen könnte, um sie zu bezwingen?

Nun meine Damen, ich hab′s!

Meine Frage an Sie lautet: „Warum gibt es keine blauen Gummibärchen?” Für die richtige Antwort verspreche ich Ihnen einen Abend mit mir.

Um Gottes Willen! Jetzt ist alles aus. Was soll ich machen, wenn das Rätsel zu schwer ist für die Damen oder nur eine von beiden auf die richtige Lösung kommt, und ich doch gerne eine Verabredung mit beiden hätte. Sollte ich vielleicht Hilfestellung leisten? Andeuten, wie es sich mit den „blauen Gummibärchen” verhält? Oder eine Geschichte erfinden im Stile „Weil sie betrunken waren, die Bärchen, sind sie alle in den See gestürzt und leben jetzt als Delphine weiter!”

Nein, die Sache wird immer unberechenbarer, die Verstrickungen sind unvermeidbar. Immerhin hab ich′s versucht. Ich habe versucht, die Chiffreanzeige W 17621 zu beantworten ...

Das einzige, was mich jetzt noch retten kann, ist ein Bild von mir, das ich Ihnen - meine Damen - beiliegend zur Verfügung stelle.

Es ist ein wenig unscharf, aber das hat folgenden Grund. Die Aufnahme - natürlich mit Selbstauslöser getätigt - entstand nicht mit einer normalen Kamera, sondern ein Schuhkarton, der zuvor in der Dunkelkammer mit einem belichteten Film und einem stecknadelgroßen Loch an der Frontseite präpariert wurde, diente als Camera Obscura zur Erstellung der Ablichtung meiner Person. Das erklärt auch die gewisse Unschärfe, die das Foto kennzeichnet, da natürlich die Belichtungszeit von einigen Minuten notwendig war, um meine obscure Persönlichkeit halbwegs erkennbar auf dem Bildträger sichtbar werden zu lassen. Die Aufnahme wurde ganz ohne die in solchen Fällen in der Vergangenheit erprobte Kopfstütze, nur durch intensives Bemühen um „Stillhalten”, in einer relativ guten Qualität - wie Sie sehen können - ausgeführt. Als Sujet habe ich mich mit meinem Lieblingskoffer, dessen Inhalt auch Sie wohl bald kennenlernen werden, fotografiert. Ich schicke Ihnen das Foto anbei und hoffe recht bald von den Damen „Rouge & Noir” zu hören.

Hochachtungsvoll und untertänigst
Ihr Wolfgang Wunderland (Kontaktanzeigen-Berater)