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Geschichtsstunde

Wenn man sich heute die SM-Szene und all jene, die von sich behaupten, mit der Szene nichts zu tun zu haben (trotzdem ein Profil auf dieser oder jenen SM-Community-Seite pflegen und auf Partys gehen) so anschaut, dann erinnert mich das stark an die Entwicklung der schwulen Szene in den Jahren nach dem Jahrtausendwechsel:
Für jede Abart der Nebenliebe eine eigene Nische, bloß nicht auffallen, sondern sich in spießbürgerlicher Normalität einrichten, lieber Chat und SMS statt Realkontakt.
Dass das alles mal ganz anders angefangen hat, weiß kaum noch jemand der in den letzten zehn Jahren dazu gekommen ist, sein Coming-out als Sadomasochist hatte oder einfach nur für sich herausgefunden hat, dass das Bizarre seinen ganz speziellen Reiz bietet.
Kaum einer kennt den "Dachs" - Die Datenschlag Chronik des Sadomasochismus, die sich auf der Webseite www.datenschlag.org befindet.
Da gibt es zum Beispiel die Erklärung für bestimmte Normen. Hier etwa im Eintrag:
Ab 1950
Zurückkehrende schwule US-Veteranen des Zweiten Weltkriegs schließen sich in den USA zu Motorradclubs zusammen und bilden die heute als "Old Guard" bezeichnete schwule sadomasochistische Subkultur. Sie ist von starren Regeln, einer starken Abschottung nach außen und einem ritterlichen Ehrenkodex geprägt. Die Zahl der Tops soll die der Bottoms um den Faktor zehn übertroffen haben.
Die Old Guard prägt mit ihrem schwarzen Leder, dem Links-Rechts-Code für die Identifizierung als Top oder Bottom und der Ablehnung des Switchens bis ins 21. Jahrhundert fast alle späteren SM-Subkulturen im Westen, ob hetero- oder homosexuell.


Ergänzend sollte man noch erwähnen, dass die zweite Quelle dessen, was wir heute unter SM-Subkultur verstehen, bestimmte Fraktionen des Fairie-Movements waren.
Eine der wichtigsten Aspekte findet man hier: "transformative power of play", believing that playful behavior had a role within ritual that could lead to an altered state of consciousness.

Aus diesem Bereich speist sich auch der Begriff des "Spielens" innerhalb von SM-Sessions.
Hier gab es dann auch Berührungspunkte zu dem Bereich des "Bodyplay" bzw. der Bodymodifikation. Hier geht es um tiefe emotionale Erfahrungen, oft ausgelöst durch intensive Körpererfahrungen, die in Anlehnung an schamanistische Rituale und Mannbarkeitsriten ausgeübt werden.

Die verwässerten Reste finden sich hier noch in der Körperschmuck-Kultur mit künstlich erzeugten Narben durch Brandings und Cuttings, Piercings, Tattoos oder Hakensuspensions.
Die moderne Psychologie sieht diese Tendenz eher als "Sensation-Seeking" und weniger als eine Suche nach der tiefen bis an Grenzen gehenden Erfahrung.

Klar kann man aufregende SM-Sessions auch ohne das Verständnis der Geschichte des Sadomasochismus erleben und Spiele mit allen Formen des Körperschmucks brauchen keinen tieferen Bezug, als einfach nur die Lust darauf.

Doch ich finde es spannend, wenn ich mehr weiß als einfach nur meine Knöpfe auf die zu drücken ist, damit mir einer abgeht.
Gleichzeitig ist der Blick in die Vergangenheit und ein Verständnis derselben sinnvoll um zu begreifen, dass das was jetzt ist nur eine Phase ist. Ob nun im eigenen Leben oder in der Existenz einer SM-Szene.

Matthias

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