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2018-04-10

Rückschau: SundMehr - "SM und Gewalt"

17 Besucher des Gesprächskreises SundMehr trafen sich am 23.03.2018, als eine Vertreterin einer regionalen Frauenberatungsstelle zum Thema "SM und Gewalt“ eingeladen war.

Friedericke Ballenberger hatte nach ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin neben ihrer Berufstätigkeit in einer großen Einrichtung der Behindertenhilfe ihr Abitur nachgeholt und zunächst in Tübingen Erziehungswissenschaft und anschließend an der Hochschule Merseburg, in der Nähe von Leipzig, den Masterstudiengang Angewandte Sexualwissenschaften abgeschlossen.

Bei der Vorstellungsrunde waren die Anwesenden aufgefordert, zu erläutern, was ihnen zur Verbindung der Themen "SM" und "Gewalt" einfällt. Beim ersten Statement war dies wenig, da die Teilnehmerin für sich in Anspruch nahm, ein gewaltfreies Leben zu führen. Ihre Nebensitzerin dagegen, erwähnte ein Erlebnis, bei dem sie das Geschehens auf einer Party beobachtet hatte, das für ihren Geschmack so deutliche Anzeichen von Gewalt trug, dass sie sich fragte, ob sie eingreifen sollte oder nicht und ihren Partner warnte, entsprechend mit ihr umzugehen. Seine Stellungnahme zur Frage, ging an diesem Abend darum, dass Dritte auch ihren eigenen Umgang auf einer Party als gewalttätig halten könnten.

Als "Gewalt" definierte die nächste Besucherin ein Verhalten, das etwas mit dem Gegenüber anstelle, was einer Absprache entgegen liefe. Ein Teilnehmer sprach sich dafür aus, dass Gewalt auch liebevolle Züge tragen könne und auch der nächste Teilnehmer sprach davon, dass Gewalt selbst bei Dominanz-Submissions-Szenarien mit hinein spiele und gezielt eingesetzt werden könne. Ein Anwesender, der seit vier Monaten verheiratet ist und mit seiner Frau da war, sprach scherzhaft davon, dass er den Toleranzbereich ausloten wolle, was er sich noch leisten könne – in der Tiefe ginge es ihm allerdings um Fragen der Definition.

Brisanz zeigte das Statement einer Erst-Besucherin, die häusliche Gewalt bei ihren eigenen Eltern kennen gelernt hatte und den Unterschied zu SM wissen wollte. Dass Gewalt zu SM dazu gehöre, meinte ein Anwesender und erwähnte gleichzeitig die Gradwanderung, dass Gewalt auch leichzeitig tabu sei, was von einem weiteren Besucher mit der Bemerkung ergänzt wurde, dass mit Gewalt viel kaputt gemacht würde.

Fr. Ballenberger bedankte sich für die Einladung, freute sich dass wir uns mit dem Thema auseinander setzen und meinte gleich, dass sie schon gespannt sei, wer mehr von dem Abend profitiere – wir oder sie selbst. Dann nahm sie bei ihrem Statement gleich Bezug zu ihrer ersten Reaktion auf die Einladung. In der Beratungsarbeit habe sie selbst bisher keinen Bezug zu SM erlebt, geschähe bei uns doch alles einvernehmlich nach Regeln und Absprache. Für sie hätten die Themen also nichts miteinander zu tun, meinte sie erfreulich entspannt und offen.

Als Einstiegsmoderation wurde noch auf die Definition vom Themenabend im Oktober 2017 hingewiesen, dass Gewalt sei, wenn etwas mit jemandem nicht nur gegen, sondern ohne dessen Einwilligung gemacht würde. Durch den Grundsatz der Einvernehmlichkeit, sei Gewalt bei SM also eigentlich ausgeschlossen und könne nur inszeniert sein. Andererseits: ginge es ja nicht darum, dass man Fixierung, Schmerzen, Demütigung spielerisch, im Sinne von unreal, erleben wolle. Durchaus ginge es ja darum, dass man sich wirklich befreien könnte, und Schmerzen wirklich erfahrbar sind. Und dennoch würde eine wirkliche Schädigung stets nach Möglichkeit vermieden, was schon bei den Anbietern von Zubehörartikel, wie z.B. Fixiergeschirren aus Stahl zu merken sei: Hier würde damit geworden, das die Artikel nicht scharfkantig und sogar gepolstert und darum bequem auch über längere Zeit tragbar sind… Zudem kann auch für jede Handlung die einschränke, in der Situation nicht direkt die Einwilligung eingeholt werden, sondern muss zuvor grundlegend erteilt worden sein.

Bezüglich Einvernehmlichkeit, wollte die Beraterin auch gleich wissen, ob die Spontaneität nicht verloren ginge, wenn alles abgesprochen wäre. Eine Teilnehmerin meinte dazu, dass natürlich ein verantwortungsbewusster Dom Rücksicht auf Absprachen nehmen müsse. Dass es aber Möglichkeiten gäbe, durch viel Kreativität, Erfahrungen von Unterlegenheit, Hilflosigkeit oder seltsamen Körperempfindungen zu vermitteln, die sich noch im Rahmen der Absprache bewegten. Zum Beispiel könne schon das Verbinden der Augen eine Irritation der Empfindung hervorrufen – bei der die Berührung durch einen Eiswürfel von heißem Kerzenwachs nicht zu unterscheiden sei.

Ein Anwesender fand, dass manche passive SMer es als Macht genießen, den aktiven ihre Absprachen aufzuzwingen. Dem wurde aus der Runde widersprochen – zumindest zum Teil; eine zeitweise Besucherin des Gesprächskreises, die Erfahrungen im professionellen Bereich gesammelt hatte, empfand genau dieses Abarbeiten von Fahrplänen ihrer „Kunden“ so abtörnend, das sie ihre Ausflüge in den Professionellen Bereich beendete.

Etwas später schloss sich eine Diskussion an, ob "Gewalt" auch ausgeübt werden könne, ohne den anderen zu beschädigen. Schwierig schien schon der Begriff der „Beschädigung“, zumal die Beraterin fachlich unter verschiedenen Formen von körperlicher-, psychischer Gewalt, sexualisierter Gewalt über finanzieller Gewalt, in dem z.B. Frauen abgesehen vom „Haushaltsgeld“ kein Umgang mit Geld zugestanden wird, und sozialer Gewalt, bei der Personen von ihrem Umfeld getrennt werden, unterschied. Manch Anwesendem kamen hier Assoziationen zum Ehe- und Familienrecht der fünfziger Jahre in Deutschland, das bei manchem Sadomasochisten noch als 24/7 Wunschphantasie existierte.

Ein Teilnehmer sprach dagegen davon, dass manche gewalttätige Beziehung möglicherweise eine verkappte SM-Beziehung sein könne, bei der die Beteiligten nur keine Worte für das hätten, was andere SM nennen. Mittels eines Zeitungsartikels belegte er ein Fallbeispiel von einer deutlich körperlich misshandelten Frau, die später auf die Frage, warum sie sich nicht früher getrennt habe, angab, der Sex hinterher sei so schön gewesen.

Die Fachfrau berichtete dabei von Fällen, wo Grenzen von den Opfern selbst immer weiter raus geschoben wurden, in dem sie zu sich selbst sagen: „Wenn er mich schubst, gehe ich“ – und wenn es eintrifft: „Gut, aber wenn er mich das nächste Mal schlägt, dann gehe ich wirklich…“ usw. Dabei betonte sie, dass sie eben in einer Frauenberatungsstelle arbeite und in ihren Fallbeispielen die Täter immer Männlich seien, was aber nicht bedeute, dass Frauen gänzlich gewaltfrei seien. Studien belegten, dass es auch einen großen weiblichen Gewaltanteil gäbe.

Grundsätzlich entstünde Gewalt aber auch oft durch den Tropfen der das Faß zum überlaufen bringt. Wie bei einem Ehemann oder Lebenspartner, der vielleicht beruflich ohnehin schon viel Stress und Frustration erlebe und bei der Anhäufung weiterer Reizschwellen zu Gewaltausbrüchen neige, was den Ausbruch von Gewalt zwar erklären könne, ihn jedoch nicht rechtfertigt. Die gewaltausübende Person sei immer für ihr Handeln verantwortlich und erst, wenn Verantwortung für das gewalttätige Handeln übernommen würde, könne es zu einer gewaltfreien Beziehung kommen. Fr. Ballenberger berichtete von einem Fall, wo ein nicht vollkommen symmetrisch, ordentlich gedeckter Tisch zu einer körperlichen Misshandlung geführt hatte, die dem Täter auch hinterher leid tat – die er allerdings nur auf den erwähnten Tropfen zurück führte: „Hättest du das Messer anders hingelegt, hätte ich dich nicht schlagen müssen…“

Einem Anwesenden war es dennoch wichtig, sadomasochistische Neigungen als potentiellen Beitrag in gewalttätigen Beziehungen zu betrachten; nicht um Gewalt auszuüben, sondern auch um diese zu tolerieren. So habe er viele Jahre mit einer Frau zusammen gelebt die Borderlinerin war und verschiedenste Angriffe, wie Würfe mit Wasserflaschen, Stiche mit Scheren oder Würgen akzeptiert, sodass er von Freunden schon gefragt wurde, warum er sich von nicht trenne. Er selbst erklärte sich dies durch seine masochistische Grundhaltung – obgleich er die Angriffe bei weitem nicht erotisch gefunden hätte. Die Beraterin fragte ihn gleich, wie er aus der Situation heraus gekommen sei – und er erklärte, dass sie einen anderen, vermögenderen Partner gefunden hätte, sodass sie ihn verlassen habe.

Die Sexualwissenschaftlerin erklärte, dass es oft gerade die Angst sei, alleine zu sein, auch finanzielle Abstriche machen zu müssen und nicht zu wissen, wie es weitergeht, die Frauen dazu bringt, sich aus destruktiven Beziehungen nicht zu lösen. Hier fragte ein Anwesender an, inwiefern der Bildungsstand auch mit dazu führte, dass Frauen in destruktive Beziehungen schlitterten und es ergab sich eine kurze Diskussion darüber.

Eine der vorab gesammelten Fragen zielte auf Hinweise zur Selbstbeobachtung, wann eine Situation ins Destruktive abgleitet. Es sei schwierig, von außen einzuschätzen, meinte die Beraterin. Anwesende versuchten zu ergänzen, dass dies vom Selbstbewusstsein der Einzelnen abhänge, dass ja in der Kindheit entstünde, was aber auf geteiltes Echo stieß: Denn wie solle man als Kind etwas reflektieren, für das man keine Worte hat, meinte jemand, bezogen auf erste selbst wahrgenommene erotischen SM-Vorstellungen. Schwierig sei auch die Tatsache, so Ballenberger, dass Selbstbewusstsein ja keine feste Größe sei und auch Schwankungen unterliege. Und in Beziehungen, die ins Destruktive abglitten, sinke zudem das Selbstbewusstsein durch erniedrigende Erlebnisse, wodurch eine Trennung zudem erschwert würde.
Die Frage, der Teilnehmer, wie man reagieren solle, wenn man als Dritter eine negative Entwicklung bei anderen vermute, war schwer zu beantworten. Tatsächlich seien hier die Eingriffsmöglichkeiten, als Außenstehender gering.

Natürlich könne man betroffene ansprechen und gegebenenfalls anbieten, sie zu einer Beratungsstelle zu begleiten. Doch ein Anwesender konnte eine Situation beschreiben, in der er nachts auf der Straße eine Frau ansprach, die ein schreiendes Kind auf dem Arm hatte, weil er in irgend einer Art vermittelnd helfen wolle, was jedoch abgelehnt wurde. Wenig später sei die Frau wieder in ihrer Wohnung verschwunden. Läge häusliche Gewalt in der Luft und seien Kinder im Spiel, riet die Beraterin, auf jeden Fall dazu, die Polizei zu rufen. Hier gäbe es einen Automatismus, dass durch die Polizei auf jeden Fall das Jugendamt mit hinzu gezogen würde. Darüber, wie hilfreich dies sei, waren sich die Anwesenden nicht einig; auch diejenigen, die bereits entsprechende Erfahrungen gemacht hatten; könnten die entsprechenden Behördenvertreter ja nicht in die Köpfe der Beteiligten schauen, fanden einige. Einerseits drohten sie, eine Familie zu beschädigen – wollten sie dies auf jeden Fall vermeiden, könne ihnen vorgeworfen werden, zu spät einzugreifen und versäumt zu haben, das Kindeswohl zu schützen – ein Dilemma.

Da an diesem Abend einige der Anwesenden auch über eigene Gewalterfahrungen in früheren Beziehungen oder der Kindheit berichteten, führte zum Gedanken, inwiefern Sadomasochismus eine therapeutische Strategie sein könne, um eigene Verletzungen aufzuarbeiten oder auszugleichen. Als der Gast diese Vermutung äußerte, wurde auf zurückliegende Themenabende hingewiesen, an denen entsprechende Erklärungsmodelle mit Verweis auf Theorieansätze aus der humanistischen Psychologie tendenziell eher zurückgewiesen wurden.

Als nach letzten Statements gefragt wurde, um den Abend zu beschließen, wies Frau Ballenberger selbst auf die offengebliebene Frage hin, was Beratungsstellen über SM wüssten. Ihr selbst war das Thema im beruflichen Kontext noch nicht begegnet. Mit Verweis auf den Besuch von Pro-Familia vor 12 Jahren als am Ende feststand, das auch hier noch keine großen Erfahrungen gesammelt wurden, was vielleicht daran liegen konnte, dass auch kaum Sadomasochisten den Weg zu einer Beratungsstelle antreten, aus Angst dort pathologisiert zu werden – was zu einem Teufelskreis führte, weil Beratungsstellen darum auch keine Kompetenz in Sachen Sadomasochismus aufbauen können.

Die Beratungsstellen-Vertreterin an diesem Abend ging dann in die konstruktive Offensive und fragte die Runde, was nach unserer Meinung Beratungsstellen denn über Sadomasochisten wissen sollten. Genannt wurde hier natürlich, die Überzeugung, dass Sadomasochismus, trotz Diagnoseschlüssels der WHO des F 65.5 im ICD 10 eben nicht als Krankheit zu betrachten sei.

Relevant sei auch ein Grundwissen über den Aufbau der Subkultur, Beispielsweise dass es mit der SMJG auch eine Art der Jugendarbeit gibt, die sich an den Vorgaben des Jugendschutzes orientiert – und auch von Szene-Internen Juristen beraten wird. Die Tatsache, dass die im Vorfeld angefragten Beratungsstellen sich sehr unsicher im Umgang mit dem Thema waren, ja sogar vermuteten, dass es langjährige Partnerschaften unter Sadomasochisten gar nicht gibt – während an diesem Abend 5 Paare anwesend waren – zeige, wie sehr die Thematik immer noch tabuisiert und nicht anerkannt sei.

Sofern dazu in einer Beratungsstelle eine akzeptierende Meinung vorherrsche, müsse dies ratsuchenden Sadomasochisten unbedingt sehr klar mitgeteilt werden, um Argwohn schon zu Beginn eines Beratungsprozesses auszuräumen.

Mit großem Beifall bedankte sich die Runde bei Frau Ballenberger für ihre Offenheit und ihr entspanntes Interesse an unserem Thema. Ihrerseits wurde die Einladung ausgesprochen, auch die Beratungsstelle zu besuchen, gegebenenfalls auch, um mit ihren Kolleginnen ins Gespräch zu kommen, die bereits gespannt auf ihren Bericht von dem Abend warten.

2018-04-10
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